2020 Statt Portugal: Deutschland, Tschechien, Österreich

Ein Einblick in die Tour mit dem Song, den wir jeden Morgen beim Packen gehört haben. Eben Mantramäßig!

Für 2020 war eigentlich Portugal geplant. Mit dem Flieger nach Porto, dann in den Norden, durch ein paar Nationalparks wieder Richtung Süden, über die Algarve nach Spanien rein und von Sevillia aus zurück nach Stuttgart. Termin war Anfang Mai und aus bekannten Gründen fiel die Reise aus.

Ersatz war eine Runde, die uns von Stuttgart nach Tschechien geführt hat, dann runter nach Österreich mit ein paar Pässen nach Bayern und vom Allgäu zurück nach Stuttgart. Die Länge der Tour: ca. 1.600 km mit etwa 17.000 Höhenmetern. Dazu hatten wir 15 Tage Zeit, diesmal ohne Pausentag.

Routenlänge so ca. 1.600 km bei 17.000 Höhenmeter und 15 Tage Zeit.

Das härteste Stück war Österreich. Ein ziemliches Mistwetter und dazu einige Pässe, die kontinuierlich mit 10-17 % Steigung an den Nerven und den Beinen genagt haben.

Tschechien war cool! Auch das Ostalgäu hatte es uns ziemlich angetan. Da mit zunehmendem Alter gutes Essen und nette Unterkünfte immer wichtiger werden, hatte ich uns ein paar spannende Unterkünfte gebucht, die vor allem in Tschechien günstig waren, so dass wir dort zweimal in echten „Prinzengemächern“ nächtigen konnten. Aber jetzt mal von Anfang an:

Die erste Etappe von Stuttgart nach Ingelfingen hatte 11o km und nur wenig Höhenmeter. Mit dem Wetter hatten wir Glück, denn wir sind grad so an der Kante von einem Tief mit viel Regen entlanggekratzt und außer ein paar Tropfen hatten wir nichts abbekommen. Ingelfingen, ein Weinort emfping uns ziemlich verlassen. Dafür gab es billigen Schnaps und mäßig gutes Essen.

Am zweiten Tag ging es weiter zu Freunden, die in einem alten Schulhaus wohnen. 125 km und mit 1.100 Höhenmetern auch schon etwas Steigung. Das Wetter hatte war bestens. Ein richtig schöner Tag. Leider hab ich irgendwie das Taubertal, dass so schön sein soll gar nicht mitbekommen. Vielleicht zu viel nach unten geschaut? Auf alle Fälle waren wir schon vorbei als ich es endlich auf der Karte gesucht hatte.

3. Tag – Von Sommersdorf nach Willersdorf mit Rückenwind (99 km, 703 HM)

Rückenwind ist geil! Und wir hatten reichlich davon und kräftig. So, dass wir auf der Graden teilweise mit über 50 km/h über die Straße gebrettert bin. Das Ergebnis war, dass wir hundert Kilometer in unter vier Stunden gefahren sind. Was macht man dann in Willersdorf, welches nicht grad der Nabel der Welt ist. Erwähnenswert in dem Kontext, dass wir in einer Brauereigaststätte gebucht hatten. Und so waren wir schon gegen 17:00 Uhr reichlich angeschickert und dann hat man halt noch ein Bier getrunken und ist direkt ins Abendessen übergegangen.

4. Tag: Von Willersdorf nach Windischeschenbach (112km, 1.684 HM)

Heute 113 km und 1680 Höhenmeter. Einigermaßen ausgenüchtert gestartet und schon wieder leicht berauscht – aber diesmal von der eindrucksvollen Landschaft – die Fränkische Schweiz. Das Wetter war eher kühl, ab und zu ein paar Tropfen Regen aber die Straße ist nie richtig nass geworden. Dafür hat uns Komoot eine lustige Graveleinlage abverlangt. Wie die manchmal auf die Routen kommen ist mir schleierhaft. Vielleicht hatte ja ein Rennradhasser die Strecke als geteert eingetragen. Auf alle Fälle ging es den Berg hoch und dann stramm über einen S1 Trail wieder runter.

Hier gehts ja noch. Nick lacht auch noch. Dann wurde es schmaler, steiler, steiniger. Ich würde sagen S1. Da wir auch MTB fahren können, kein Problem und die Räder haben es auch ohne Probleme weggesteckt.

Deutschland hat ein paar schöne und auch sehr unbekannte Ecken. Die Weite der Oberpfalz, schöne Aussichtpunkte führten uns zu unserem heutigen Ziel: Windischeschenbach die Schweinmühle. Kleiner Campingplatz mit Naturpool und gutem Essen. Leider war es aber so kalt, dass wir lieber die heiße Badewanne als den Naturpool benutzt haben.

5. Tag, Von Windischeschenbach nach Domazlice. 110 km, 1.450 Höhenmeter

Heute ging es über die Grenze. Ziemlich hügelig das ganze. Dabei gab es einen richtig guten Teilabschnitt über einen neuen Radweg. Route der Freundschaft oder so ähnlich hieß der. Beste EU Subvention auf feinem Asphalt. Gut eingesetzt das Geld. Zumindest für uns. Dann ging es nochmal lang und giftig den Berg hoch bis zur Grenze.

Zwei Helden an der Grenze.


Der erste Ort hinter der Grenze war Tachov, ein kleines Kaff mit einer unglaublich schlechten Zugangsstraße. Dazu gab es noch einige Häuser, die an das ehemalige Tschechien erinnern. Etwas rustikal, etwas nostalgisch. Zwei Überraschungen hatten wir dann: Hier trug niemand Maske, Corona schien es nicht zu geben und zu dem Zeitpunkt war Tschechien auch ziemlich glimpflich durch die erste Welle gekommen. Die zweite Überraschung war die Rechnung nach dem Mittagessen. Nudeln, Palatschinken, ein Getränk und ich meine, dass waren dann am Ende so um die sieben Euro. Unser Zielort Domazlice war dann auch klasse. Tolle Unterkunft in modernem Sozialistenschick. Hatte war. Etwas mussten wir uns noch an die frühen Essenszeiten gewöhnen. Ab halb 10 ging überall das Licht aus.

6. Tag: Von Domazlice zum Schlosshotel (103 km – 1.712 HM)

Wir rollen morgens bei bestem Wetter aus dem Ort heraus. Das ist übrigens mit die schönste Zeit am Tag. Nach dem Frühstück, wenn wir unser Zeug zusammenpacken und wissen, dass ein neuer Tag anbricht, neue Dinge zu sehen sind, die Ruhe des Packens, begleitet von dem täglichen Mantra-Pack-Song. Ungebunden, Ungezwungen, Ruhe, etwas Bedenken wegen der schweren Beine und der Anstrengung aber voller Vorfreude.

Heute ging es richtig in den böhmischen Wald, Berge, gut kupiertes Gelände, an der Moldau entlang und in Gedanken an Smetana, wobei ich die Moldau erstmal gar nicht erkannt, begriffen hatte. Walt, Grün, Berge, tolle Landschaft. Ein paar Pilze am Straßenrand: Braunkappen, Hexenröhrlinge und ich meine auch ein paar Steinpilze. Böhmen ist Pilzland aber einsammeln lohnt nicht, lenkt die Gedanken an langen Steigungen aber doch genügend ab. Immerhin kommen wir auf über tausend Höhenmeter und belohnen uns mit Heidelbeerkuchen.

Unser Ziel heute: Das Schlosshotel Zamek Sdikov. Eine Suite, ein Prinzengemach für 110 € mit Frühstück für das Zimmer. Ankunft, ein wunderbares erstes Bier. Klamotten waschen, ein Wohnzimmer mit gefühlt 100 Quadratmetern. Nick sitzt in der Sonne und schluckt noch einen Aperol Spritz, ich gehe in das rustikale Schwimmbad und sitze etwas im Garten. Abends leckeres Menü. Tschechien, wir mögen Dich!

7. Tag: Vom Zamek Sdikov nach Chesky Krumlov (90km – 1.262 HM)

Schade, dass schöne Schlosshotel schon wieder verlassen. Vielleicht wäre ein Pausentag gar nicht schlecht gewesen. Das Wetter warm, der Himmel blau aber so strampeln wir erst mal wieder ein paar Höhenmeter über einen der Berge, die hier immer wieder im Weg stehen. Dann ein schönes Tal an der Moldau entlang, durch Wälder auf Radwegen in Richtung südböhmisches Meer, wie man den aufgestauten See auch nennt.

Wir folgen der Landstraße an der Moldau entlang

Essen, ach ja. Da war Tschechien ziemlich gut. Die Marillenknödel verfolgen mich bis heute, so lecker waren die Dinger. Das Pilsner Urquell vom Fass, der halbe Liter so für eine Euro und sechzig Cent. Überhaupt sind Radreisen stark geprägt vom Essen, von Unterkünften und vom Glotzen. Ansonsten passiert ja nicht viel. Nach einer Woche spricht man auch deutlich weniger miteinander. Das ist nicht störend, man hat halt wenig Neues zu erzählen. Ab und kommt mal ein: Ahhhh, Scheißanstieg oder Ufff, oder ein „Kack-Autofahrer“ oder vielleicht mal ein: „Lass uns mal einen Kaffee trinken“.

Heute sind wir bis Chesky Krumlov gekommen. Eine malerische Altstadt, dass man schier besoffen wird von Historie und dem Charme des Ortes. Eingermaßen touristisch aber wegen Corona recht leer. Ansonsten muss es eine Schande dort sein. Zehntausende Touristen, gerne Asiaten belagern die Stadt, ähnlich wie Dubrovnik oder Neuschwanstein. Da haben wir Glück. Abends haben wir die Stadt fast für uns alleine und wir hausen auch mal wieder in herrschaftlichen Prinzengemächern, dass man sich fast wie König Ludwig fühlen könnte.

Blick vom Hotel auf die malerische Altstadt
Prinzengemächer Teil zwei. Eine Suite mit 70 qm und kitschigen Ambiente.

8. Tag: Von Krumlov über die Grenze nach Wels zum Gösser-Bräu (115 km – 964 Hm)

Hmmm, das ging jetzt schnell. Wieder ein paar Hügel, dann Souveniers, dann lauter Zahnarztpraxen und Schönheitssalons, noch mehr (hässliche) Souveniers und dann sind wir schon über die stillgelegte Grenze weg nach Österreich rein. Von Linz hatte ich eine romantischere Vorstellung, statt der schönen Torte aber empfing uns eine eher hässliche Industriestadt, die wir schnell wieder verlassen haben. Die Moldau haben wir jetzt gegen die Donau ausgetauscht und das Wetter sieht nicht gut aus. Dunkle Wolken, ein Gewitter braut sich zusammen und rasen den Donauradweg weiter nach Wels. Hier ist das Haupthaus von Gösser Bräu. Statt einem Zimmer bekommen wir ein modernes und brandneues Appartement mit zwei Schlafzimmern und riesigen Flatsceens. Gleich davor der zünftige Biergarten und in der Stadt finden wir einen Friseur, der gewillt ist, uns zu rasieren. Aus Gewichtsgründen lassen wir so schnöde Dinger wie Rasierutensilien einfach weg und suchen uns unterwegs den Support von Männern, die mit scharfen Klingen umgehen können. Das ist meistens ganz unterhaltsam und hinterher sehen wir zumindest im Gesicht nicht mehr ganz so aus wie die letzten Hinterwäldler.

9. Tag: Von Gösser-Bräu zum Wolfgangsee (102 km – 1.187 Hm)

Auf den Tag hatten wir uns eigentlich gefreut. Vier Seen standen auf dem Programm aber das Wetter für Österreich sah für die nächsten Tage nicht gut aus, eigentlich sogar ziemlich schlecht. Regen, Temperaturen knapp über zweistellig und grauer Himmel. Nachts hatte es geregnet aber wider Erwarten blieb es den Tag über zwar grau und kalt aber auch trocken. Leider waren die schöne Landschaft und die Berge kaum zu sehen. Und für die nächsten Tage sollte es nicht viel besser werden.

Ein paar schöne Ausblicke gab es trotz Mistwetter

Das beste am Tag war eigentlich das Timing. Nach dem Regen gestartet und genau mit Ende der Trockenheit in der nächsten Unterkunft angekommen. Direkt danach fing es heftig an zu regnen und wir waren froh, trocken durchgekommen zu sein.

Selbst auf dem überdachten Balkon sind die Räder noch nass geworden.

10. Tag: Von Königsetappen und Diskussionen (115 km – 2.316 Hm)

Eigentlich sollte das heute das Highlight der Tour werden. Zwei Pässe mit über tausend Höhenmetern, hohe Berge, Naturerlebnis. Es war aber kalt und nass und wir waren jetzt doch 10 Tage unterwegs, ohne Pause und die Vorstellung zig Stunden in kaltem Regen zu fahren hat uns beide nicht mehr so begeistert. Ich hatte dann die Überlegung im Regen nach Insbruck zu fahren und dann den Zug nach Saalfelden zu nehmen. Mit etwas Recherche hatte ich dann aber gesehen, dass wir auch über den ersten Pass fahren konnten und dann in Bischofshofen in den Zug steigen. Das wäre kaum weiter und die Zugfahrt deutlich kürzer. Und mit dem Vorsatz sind wir gestartet und zunächst hielt sich der Regen noch zurück.

Der Einstieg in den ersten Pass

Die ersten 10km des Tages zogen sich noch am See entlang, weitgehend flach, dann über eine Holzbrücke in unseren ersten Pass.

Eine wirklich tolle Stecke durch wilde Natur, stilecht mit rauschendem Wildbach. Ganz locker eigentlich, dachten wir. Bis dann der richtige Anstieg kam. Ich hatte vorher nicht richtig auf das Profil geschaut. Der Mistbock von Berg pendelte sich dann zwischen 9 und 14 Prozent ein. Dazu saukalt und feucht.

In irgendeinem Ort, vielleicht Sulzau oder Wimm oder irgendwass mit *egg am Ende haben wir ein Kaffee gefunden. Wahrscheinlich sind mir dabei die Kohlehydrate und das Koffein etwas zu Kopf gestiegen und der Gedanke, die Tour doch in voller Länge zu fahren hat sich in meine Gedanken eingeschlichen. Selbst der einsetzende Regen konnte den Gedanken nicht wegspülen und so habe ich mich in Bischofshofen von Nick verabschiedet, der in den Zug gestiegen ist.

Mein zweiter Pass war dann noch ruppiger als der erste. Über 15km ging es mit bis zu 17,5% den Berg hoch. Dazu ging die Temperatur auf 1.300 Metern bis nahe an den Gefrierpunkt runter.

Dafür ist stellenweise mal der Himmel aufgegangen und plötzlich sah man, wo man sich befindet. Hohe Berge um mich herum, die Schneefallgrenze nicht mehr so weit entfernt. Kurzzeitig kam die Sonne und die Hypophyselappen fingen an verrückt zu spielen und ich hatte wahrscheinlich ein leicht abwesend-dämliches Grinsen im Gesicht. Lange hat es aber nicht gehalten, dann hat wieder alles zugemacht, kalt, bei 3 Grad über Null, zumindest waren die Straßen weitgehend trocken.

Kurz vor Saalfelden hieß es dann weider Vollgas fahren. Es wurde immer dunkler und sah bedrohlich nach Regen aus. Mit den ersten Regentropfen bin ich dann im Hotel angekommen. Nick war auch noch gar nicht so lange da. Das Hotel war super, schönes Zimmer (auch teuer), die Sauna war offen und die Völlerei, das Gasthaus mit excellentem Essen war dann die richtige Belohnung für die Quälerei an dem Tag.

Die Völlerei in Saalfelden, sehr empfehlenswert!

11. Tag: Von Saalfelden nach Gerlos (85 km – 1.075 Hm)

Scheißtag! Dauerregen, wieder ein Pass mit 10-17%, kalt und bei dem Mistwetter waren wir dann froh anzukommen und den Tag abzuhaken.
Das Hotel war ok aber der Ort eher etwas Skiarena-Retortenmäßig.

Drei Red Bull pro Person. Ist das schon Doping?

12. Tag: Von Gerlos nach Fischbach (110 km – 842 Hm)

Regen am Morgen, wie könnte es auch anders sein. Österreich, diesmal machst Du echt wenig Spaß. Dafür starten wir auf knapp 13 Metern Höhe und rollen die ersten 40 Kilometer mal runter auf so etwa 500 Meter. Das geht einigermaßen schnell auf einer großen, vielbefahreren Bundesstraße bei Nässe.

Und passend zur Grenze, wie könnte es anders sein, fahren wir aus dem Scheißwetter raus. Der Himmel reißt auf, blau kommt zum Vorschein. Wir ziehen die Regensachen aus, es wird warm und wärmer.